Was meinen wir mit "Natur"? Ökologische Neuartigkeit als Beschreibung für Natur im Anthropozän

Ehemalige Brache am Berliner Hauptbahnhof  (Foto: Heiderose Häsler)

Was meinen wir mit „Natur“? Ökologische Neuartigkeit als
Beschreibungshilfe für Natur im Anthropozän

Autorin: PD Dr. Tina Heger, Universität Potsdam

Der Corona-Lockdown hat für viele Menschen noch einmal bestätigt: Natur tut gut. Ein Spaziergang im Park, ein Ausflug in den Wald, oder ein Picknick an einem See bringen Erholung. Mehr noch: am Feierabend oder am Wochenende „Natur“ zu genießen ist für viele Menschen wesentlicher Bestandteil eines erfüllten Lebens. Was dabei genau zu Natur zählt, spielt meist keine große Rolle. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist Natur ein Sammelbegriff, der Pflanzen, Tiere, Grünflächen, Wälder, Gewässer oder auch Landschaften einschließt.

Komplizierter wird es, sobald man sich in den Bereich des Naturschutzes bewegt. Schnell stellt sich hier die Frage: Ist alles was grün ist Natur? Zählen städtisches Grün und Parks aus dieser Sicht auch zur Natur? Oder sind das nicht vielmehr kulturell geprägte, nicht mehr „natürliche“ Flächen? Wo verläuft die Grenze zwischen Natur und Kultur? Eng damit verknüpft ist auch die Frage: Welche Form von Natur erachten wir als schützenswert?

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Britzer Garten Berlin (Foto: Thomas Wolter)

Im Naturschutz gibt es zurzeit verschiedene Lager, die hier gegensätzliche Meinungen vertreten. Die eine Seite argumentiert, dass als wahre Natur das zählt, was von Menschen möglichst wenig beeinflusst ist. Diese Natur gilt es zu schützen. Eine Position fordert sogar, 50% der Fläche unseres Planeten in Schutzgebiete umzuwandeln, um das momentan stattfindende, massive Artensterben aufzuhalten. Eine Gegenmeinung ist, dass es nicht darum gehen kann, Natur vor Menschen zu schützen, sondern dass es vielmehr um ein neues ‚Miteinander‘ gehen muss. Nach dieser Meinung kann auch eine Brachfläche in der Stadt, auf der eine wilde Mischung heimischer und fremder Arten wächst, schützenswert sein. Diese Gegenmeinung scheint inzwischen an Fahrt aufzunehmen. In internationalen Vereinbarungen zum Biodiversitätsschutz sowie in Fachbeiträgen zur Umweltethik wird immer häufiger betont, dass die Überwindung der Trennung von Natur und Kultur globales Ziel sein sollte.

Gleise mit Birken und Ahorn, dahinter Gestrüpp

Überwachsene Gleise im Schöneberger Südgelände (Foto: Tina Heger)

Auch in der Renaturierungsökologie, die sich damit beschäftigt, degradierte Flächen wieder in Richtung größerer Naturnähe und Artenvielfalt zu entwickeln, gibt es eine ähnliche Diskussion. Hier stellt sich die Frage: Was soll das Ziel von Renaturierungsmaßnahmen sein? Geht es darum, einen historischen Zustand wiederherzustellen? Oder könnten nicht heute, in Zeiten von Klimawandel und zunehmender Präsenz invasiver Arten, auch Formen von ‚neuartiger‘ Natur erstrebenswert sein?

Ein wichtiger Schritt in Richtung eines Konsenses könnte sein, anzuerkennen, dass es nicht eine einzige, generelle Antwort auf diese Fragen geben kann. Unterschiedliche Situationen erfordern unterschiedliche Lösungen; und welche Form von Natur ein gutes Ziel für Schutz oder Entwicklungsmaßnahmen ist, sollte in Abhängigkeit der jeweiligen Umstände abgewogen werden.

Die strikte Trennung zwischen Natur und Kultur, die unser Denken häufig prägt, kann hier hinderlich sein. Aus diesem Grund sind Ansätze gefragt, die dazu beitragen, Kommunikation über „Natur“ zu präzisieren. Begriffe, die helfen, die Schattierungen und Übergänge zwischen natürlichen und anthropogenen Zuständen von Flächen zu beschreiben, können gleichzeitig dazu beitragen, effizienter nach lokal passenden Lösungen zu suchen.

In einer Kollaboration im Rahmen des BIBS-Projekts haben 21 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Potsdam, FU Berlin, TU Berlin, von den Leibniz-Instituten für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Wildtierforschung (IZW), und Agrarlandschaftsforschung (ZALF), dem Museum für Naturkunde Berlin und aus anderen Instituten aus ganz unterschiedlichen Fachgebieten gemeinsam einen konzeptionelle Rahmen entwickelt, der helfen kann, die möglichen Zustände von Natur besser abzubilden. Zentraler Begriff ist hierbei die Ökologische Neuartigkeit (engl.: Ecological Novelty).

Ecological novelty (ökologische Neuartigkeit) ist ein Überbegriff für historisch neuartige, menschlich verursachte Veränderungen auf den verschiedenen ökologischen Ebenen, von Organismen und Populationen über Lebensgemeinschaften zu Ökosystemen und Landschaften“, schreibt Prof. Dr. Jonathan Jeschke, einer der zwei Senior-Autoren der Studie, über den Begriff auf der Homepage seiner gleichnamigen Arbeitsgruppe. Ökologische Neuartigkeit tritt also immer dann auf, wenn menschlich verursachter globaler Wandel zu Veränderungen führt, die Organismen beeinflussen.

Grafik Tina

Abbildung: Tina Heger

Typische Beispiele liefern Stadtbrachen. In der Stadt sind die Böden häufig stark verändert, z.B. durch vorherige Bauarbeiten oder Verdichtung. Im Laufe der Zeit hat sich eine bunte Mischung von Pflanzen verschiedener Herkünfte angesiedelt: Heimische Arten kommen hier häufig gemeinsam vor mit Pflanzen, die sich aus den umliegenden Gärten hierher ausgebreitet haben, oder auf anderen Wegen aus fernen Kontinenten in die Stadt und auf die Fläche gelangt sind. Für heimische sowie nicht-heimische Insekten und andere Tiere sind solche neuartigen Ökosysteme häufig willkommene Habitate.

Untersuchungsfläche CityScapeLabs mit Straße

Grünfläche mit Untersuchungsfläche des BIBS-Projekts                 (Foto: Tina Heger)

Aus Sicht der ökologisch informierten Betrachterin oder des Betrachters sind solche Flächen neuartig in dem Sinn, dass sie Kombinationen von Standortbedingungen und Arten aufweisen, die es in historischen Zeiten so nicht gab. Aus Sicht der Arten, die diese Flächen besiedeln, sind sie häufig ebenfalls neuartig, denn die Bedingungen unterscheiden sich von den Bedingungen, die während der Evolution der Arten herrschten. Sie haben mit diesen neuen Ökosystemen also in gewissem Sinn ‚keine Erfahrung‘.

Für viele Arten können solche Flächen aber auch Ersatzhabitate sein. Die Bedingungen sind dann ähnlich zu den Bedingungen, unter denen die Arten entstanden sind, und die Flächen sind aus ihrer Sicht nicht neuartig; sie haben mit den Bedingungen bereits Erfahrung im öko-evolutionären Sinn.

Ob eine Fläche als neuartig einzustufen ist oder nicht, hängt also nicht nur von den Bedingungen an sich ab, sondern auch vom Blickwinkel, den man einnimmt. Nimmt man die gesamte Fläche in Augenschein und fragt, ob sie neuartig ist im Vergleich zu den Bedingungen, die vor der Industrialisierung hier herrschten, kann das Ergebnis ganz anders sein, als wenn man eine bestimmte Art im Fokus hat und fragt, ob die Fläche aus Sicht der Art neuartige oder ‚bekannte‘ Bedingungen bietet. Entscheidend ist in beiden Fällen auch, welche Bedingungen man als geeignete Referenzbedingungen auswählt.

Neuartigkeit ist also ein relatives Konzept: Etwas ist neuartig im Vergleich zu etwas anderem. Die Studie betont deshalb, wie wichtig es ist, in der Kommunikation über den Status einer Fläche die verschiedenen Sichtweisen und zugrunde gelegten Vergleichsbedingungen offen zu legen. Der Begriff und der konzeptionelle Rahmen, der in der Studie vorgeschlagen wird, erlauben es damit, differenziert über verschiedene Zustände von Natur zu sprechen. Auf dieser Grundlage lässt sich dann entscheiden, welche Form von Natur in einer bestimmten Situation erstrebenswert erscheint.

Quellen:

Heger, T., Bernard-Verdier, M., Gessler, A., Greenwood, A.D., Grossart, H.-P., Hilker, M., Keinath, S., Kowarik, I., Kueffer, C., Marquard, E., Müller, J., Niemeier, S., Onandia, G., Petermann, J.S., Rillig, M.C., Rödel, M.-O., Saul, W.-C., Schittko, C., Tockner, K., Joshi, J. & Jeschke, J.M. (2019) Towards an Integrative, Eco-Evolutionary Understanding of Ecological Novelty: Studying and Communicating Interlinked Effects of Global Change. BioScience, 69, 888-899.

Heger, T., Bernard-Verdier, M., Gessler, A., Greenwood, A.D., Grossart, H.-P., Hilker, M., Keinath, S., Kowarik, I., Marquard, E., Müller, J., Niemeier, S., Onandia, G., Petermann, J.S., Rillig, M.C., Rödel, M.-O., Saul, W.-C., Schittko, C., Tockner, K., Joshi, J. & Jeschke, J.M. (2020) Clear Language for Ecosystem Management in the Anthropocene: A Reply to Bridgewater and Hemming. BioScience, 70, 374-376.

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