Was verbindet Mückenjäger*innen, Blütenzähler*innen und Tiermelder*innen?

Waschbär. Foto: Ernst-Burghard Hilse 

Was verbindet Mückenjäger*innen, Blütenzähler*innen und Tiermelder*innen?

Autorin: Dr. Sarah Kiefer, IZW

Wer robbt bei fast 40 Grad durch die Gegend und versucht Mücken zu fangen? Noch dazu mit der Ansage: „Aber bitte nur weibliche, vollgefressene!“?!

Wer macht sich die Mühe, im Garten regelmäßig die Anzahl der Blüten und Früchte von Gemüse zu zählen? Noch dazu mit der Ansage: „Aber bitte systematisch – und alles schön genau aufschreiben!“

Wer meldet Beobachtungen von Tieren oder deren Spuren wie zum Beispiel Kot? Noch dazu mit der Ansage: „Aber bitte so genau wie möglich, die Uhrzeit der Meldung wäre schon auch gut!“ 

Wahrscheinlich sind das Teilnehmende in ihrem Citizen Science-Projekt. Citizen Science (CS) heißt auf deutsch Bürgerforschung oder auch Bürgerwissenschaften. Darunter versteht man Forschung gemeinsam mit Menschen, die nicht beruflich als Wissenschaftler*innen arbeiten. Das Spektrum des Mitforschens erstreckt sich von der (Mithilfe bei der) Datenerhebung über die Auswertung und Interpretation von Daten bis hin zur Entwicklung von wissenschaftlichen Fragestellungen. Die Kenntnis der Mitwirkenden reicht oft von absolutem Nischenspezialwissen bis zu kindlicher Neugier ohne Vorkenntnisse. Man kann also – je nach Lust, Laune und Zeit – nur ab und zu ein wenig beitragen oder sich intensiv in solchen Projekten engagieren. Die Forschungsthemen sind inzwischen sehr vielfältig geworden.

Datenerhebung von Citizen Scientists in einem Forschungsprojekt. Foto: Kathleen Röllig

CS wird immer beliebter. Die Entwicklung von Anwendungen und Apps von vielen Projekten hat dabei sehr geholfen. Damit können schnell viele Mitforscher*innen erreicht und kontaktiert werden und auch die Dateneingabe ist unkompliziert möglich. Sehr wichtig ist aber vor allem, dass viele Vertreter*innen aus Wissenschaft und Gesellschaft gemerkt haben, dass sie miteinander viel mehr erreichen können als alleine. Und auch in der Politik steigt das Interesse und die Akzeptanz der „neuen“ Methode.

BIBS hat mit dem Projektbeginn im Jahr 2016 relativ früh das Potential dieser neuen Methode erkannt und setzt Citizen Science als Werkzeug zur Wissensvermehrung in der Biodiversitätsforschung und für Wissensaustausch zwischen den Wissenschaftler*innen und den Bürgerwissenschaftler*innen ein.

Ideale CS-Projekte sind solche, in denen alle Teilnehmenden von ihrer Mitarbeit profitieren: Wissenschaftler*innen erhalten viele wertvolle Daten und Mitarbeiter*innen, die mitdenken. Bürgerforschende können durch ihr Engagement etwas über die wissenschaftliche Arbeitsweise und Inhalte ihres Projekts lernen. Diese Mitarbeit der Öffentlichkeit erhöht außerdem das allgemeine Bewusstsein für relevante Themen wie beispielsweise die Biodiversitätskrise.

Trotz der tollen Vorteile und Möglichkeiten, die Citizen Science bietet, ist es wichtig zu beachten, dass es sich nur für bestimmte Forschungsfragen als Methode eignet. Bei jedem Projekt muss von Anfang an überlegt werden, ob und wie CS funktionieren könnte. Ungeeignet ist es z. B. für hochkomplexe Labormethoden, für die man eine richtige Ausbildung braucht. In manchen Projekten ist eine vorherige Schulung nötig, in anderen können die Bürgerforschenden ohne spezielle Ausbildung sofort losziehen. Gerade bei Erfassungen, für die Artenkenntnis gefragt ist, kommt es sogar öfter vor, dass die Freiwilligen sowieso schon Expert*innen auf diesem Gebiet sind und schon lange als Bürgerforschende arbeiten oder wegen ihrer Expertise von Wissenschaftler*innen angesprochen wurden. Das liegt daran, dass Artenkenntnis an deutschen Universitäten nicht mehr so intensiv gelehrt wie früher und viele Projekte beispielsweise dringend Hobby-Ornithologen*innen oder -Entomologen*innen suchen.

Citizen Science-Projekte, an denen das BIBS-Projekt beteiligt ist:

Im „Mückenjäger“-Projekt halfen die Citizen Scientists, vollgesaugte weibliche Stechmücken zu fangen. Durch molekularbiologische Untersuchungen des erbeuteten Blutes kann herausgefunden werden, welche Tierarten den Mücken zum Opfer gefallen sind. So können Camila Mazzoni, Renita Danabalan und ihr Team herausfinden, ob bestimmte Mückenarten spezielle „Opfer-Tierarten“ wählen. Indem sie genetische Untersuchungen durchführen, können sie mit ihrer Methode (iDNA) auch Tierarten feststellen, die ansonsten selten gesichtet und nachgewiesen werden. Alle Daten zusammen helfen bei der Biodiversitätsbestimmung. ARTE hat das Projekt besucht und erklärt, wie es funktioniert.

Das Projekt „Bienen, Bestäubung und Bürgerwissenschaft in Berlins Gärten“ wurde von der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) und dem Naturkundemuseum Berlin unter Mitwirkung von BIBS geplant und durchgeführt. Monika Egerer und ihr Team an der TU Berlin erforschen zusammen mit privaten Gärtner*innen, wie Gemeinschaftsgärten zum Wildbienenschutz beitragen können. Ziel ist es, die Kenntnisse zur Artenvielfalt, Ökologie und dem Schutz von Wildbienen in den Berliner Stadtgärten nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht zu verstehen, sondern auch zum gesellschaftlichen Verständnis von Bestäubern in Berlin und deren Schutz beizutragen.

Preisverleihung UN-Dekade Biologische Vielfalt. Foto: Kathleen Röllig 

Im ProjektBerliner Stadtwildtiere“ werden Sichtungsdaten von Tieren und ihren Spuren, wie z.B. Trittsiegeln oder Kot gesammelt. Wer sich gerne intensiver engagieren möchte, kann hier schauen, was es sonst noch im Bereich Stadtwildtiere gibt.

Weil das Projekt „die Aufmerksamkeit für die Biodiversität in der Stadt erhöht, Wissenslücken schließt und eine Datenbasis für weitere Forschungen zur Verfügung stellt“, wurde es im Jahr 2018 als „Ausgezeichnetes Projekt der UN-Dekade biologische Vielfalt“ ausgewiesen. „Diese Auszeichnung wird an Projekte verliehen, die sich in nachahmenswerter Weise für den Erhalt der biologischen Vielfalt einsetzen.“

 

Eichhörnchen. Foto: Ernst-Burghard Hilse

 

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